Ausbildungsbetriebe sind Qualitätsbetriebe
Unter dem Titel «Warum wir so reich sind» hat Rudolf H. Strahm ein Wirtschaftsbuch geschrieben, das sich unter anderem auch mit der schweizerischen Bildungslandschaft befasst. Der ehemalige Nationalrat und Preisüberwacher ist überzeugt, dass Ausbildungsbetriebe Qualitätsbetriebe sind. Max Mäder, Rektor des Bildungszentrums für Gesundheit im Kanton Thurgau, hat das Buch für den Schauplatz Spitex gelesen. Nachfolgend seine Buchbesprechung.
Es scheint nicht gerade naheliegend, dass sich ein Ökonom so differenziert mit Fragen der Berufsbildung auseinandersetzt. Das ist bei Rudolf H. Strahm anders. Er gehört zu den exzellenten Kennern der schweizerischen Bildungslandschaft. Es erstaunt daher nicht, dass er die Qualität der Ausbildung mit dem Wohlstand in der Schweiz, dem Wirtschaftswachstum und der Arbeitslosigkeit in Zusammenhang bringt. Freilich macht er den Bezug zur Berufsbildung im Gesundheitswesen nicht direkt. Seine Inhalte, Schlussfolgerungen und Grafiken lassen sich aber problemlos übertragen.
Rudolf H. Strahm ist als ehemaliger Preisüberwacher vielen Bürgerinnen und Bürgern in Erinnerung. Nun hat er ein Buch vorgelegt, das auch für die Berufsbildung im Gesundheitswesen von Bedeutung ist. Gerade in dieser Branche hat man bis vor wenigen Jahren den nichtakademischen Berufen in der Aus- und Weiterbildung zu wenig Gewicht beigemessen. Zulange fehlte die Integration in die gesamtschweizerische Bildungssystematik. Durchlässige Bildungsangebote fehlten weitgehend. Dadurch wurden kohärente Laufbahnmöglichkeiten verhindert und ein längerfristiges Verweilen im Beruf erschwert, oft gar verunmöglicht. Obwohl die Ausbildungsbemühungen in Spitälern, Kliniken, Heimen und Spitex-Organisationen massiv verstärkt wurden, besteht noch nicht überall die Einsicht, dass Investitionen in die Bildung die Qualität des Unternehmens fördern.
Das verständlich abgefasste und reich illustrierte Buch von Rudolf H. Strahm kommt genau zur richtigen Zeit. Es lässt sich als Lehrbuch oder als Schnappschuss-Lektüre verwenden. Die zahlreichen Grafiken, die meist auf offiziellen statistischen Quellen beruhen, dienen als Illustration und können als Unterrichtsmaterialien verwendet werden. Es ist ein Gebrauchs- und Nachschlagebuch, das nicht von der ersten bis zur letzten Seite durchgearbeitet werden muss.
Im Abschnitt über Berufsbildung und Arbeitsmarktfähigkeit wird die Berufslehre mit der Möglichkeit zur aufbauenden Weiterbildung in Höheren Fachschulen HF und Fachhochschulen FH als bester Garant zur Integration in den Arbeitsmarkt dargestellt. Als Armutsrisiko Nummer eins wird die heute mangelnde Berufsbildung und dadurch fehlende Arbeitsmarktintegration dargestellt. Aus Sicht des Autors ist Armutsrisiko nicht allein auf die Arbeitnehmenden ausgerichtet, sondern ebenso auf die fehlenden Leistungsangebote gut ausgebildeter Fachpersonen.
Im Gesundheitswesen erleben Klientinnen und Klienten qualitative und quantitative Defizite, wenn zu wenig oder schlecht ausgebildete Mitarbeitende beschäftigt werden müssen. Natürlich weist der Ökonom darauf hin, dass sich Berufslehre und berufliche Weiterbildung auszahlen. Für die Ausbildungsbetriebe heisst das, dass bei Bildungsgängen mit einem hohen Praxisanteil kaum Nettokosten entstehen, weil die Lernenden bzw. Studierenden wirkungsvoll Arbeit leisten. Weiter gilt das aber auch für die soziale Absicherung von Einzelpersonen und Familien, und letztlich lässt sich ein volkswirtschaftlicher Nutzen daraus ableiten. Berufsbildung wird im weitesten Sinne als aktivierende Sozialpolitik dargestellt.
Das Bildungssystem der Schweiz wird in seinen unterschiedlichen Ausrichtungen dargestellt. Der berufs- und der schulgestützte Weg auf der Sekundarstufe II und auf der Tertiärstufe wird in seinen Ausprägungen und Möglichkeiten dargelegt. Produktivität ist auch im Gesundheitswesen eine anerkannte Schlüsselgrösse für nationale und internationale Konkurrenzfähigkeit. Im Kapitel 6 kann der Bezug zur Ökonomisierung im Gesundheitswesen bzw. zur Einführung der Diagnosis Related Groups (DRG) gemacht werden. Unter dem Titel «Strukturschwache Branchen rekrutieren am meisten ungelernte ausländische Arbeitskräfte» rangiert das Gesundheits- und Sozialwesens im unteren Mittelfeld. Der Zusammenhang zwischen Strukturschwäche von Branchen, tiefen Löhnen, wenig Ausbildung und tiefer Produktivität kommt deutlich zum Ausdruck.
Im Kapital 8 wird die Aus- und Weiterbildung als Schlüssel für den Strukturwandel dargestellt. Das Gesundheitswesen ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Migration, Mobilität, Berufsbildung und Strukturwandel spielen für die Zukunftsentwicklung eine wichtige Rolle. Gemäss Rudolf Strahm gilt es, den Strukturwandel zu bewältigen und für die Wirtschaft bzw. das Gesundheitswesen der Zukunft auszubilden. Vielfältige Schlüsselkompetenzen, wie sie heute gelehrt und praktiziert werden, entscheiden über die Qualität und nicht bloss ein reibungsloses Funktionieren in meist spezialisierten Einzelsituationen.
Mir hat die Lektüre des Buches Eindruck gemacht, weil viele aktuelle Fragen aufgegriffen werden. Und weil mit gut verständlichen Grafiken, wissenschaftsbasiert, Vernetzungen aufgezeigt werden. Ich empfehle dieses Buch insbesondere all jenen zur Lektüre, die glauben, Ausbildung sei einseitiger Aufwand, lohne sich nicht und Arbeitskräfte könnten ohnehin abgeworben oder importiert werden. Weiter all jenen, die sich durch engagierte und kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihrer eigenen Rolle und Stellung verunsichert fühlen. Ganz besonders richtet sich das Buch an die grosse Mehrzahl jener, die sich heute engagiert für die Ausbildung einsetzen und beträchtliche Mittel zur Verfügung stellen. Ihnen wird die Lektüre dieses Buchs aufzeigen, dass sie auf dem richtigen Weg sind und dass der wirkliche Reichtum eine hohe Wirkungsqualität verbunden mit einem optimalen Nutzen für die Kundschaft darstellt.
Warum wir so reich sind, Wirtschaftsbuch Schweiz, von Rudolf H. Strahm, 2008 erschienen im Hep Verlag, ca. 38.-. Die zweite Auflage erscheint im Januar 2010 mit aktualisierten Grafiken und Texten zu den neusten wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen, inkl. Wirtschaftskrise und Finanzmärkte.
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